50-jährige Erfolgsgeschichte des Kanu-Rennsports im Potsdamer Luftschiffhafen

Bereits anlässlich des  40.Jahrestages der Existenz des Kanu-Rennsports im Potsdamer Luftschiffhafen nahm die geladene politische und sportliche Prominenz am 22. März 2003 die Gelegenheit wahr, auf die Erfolge in den zurückliegenden Jahrzehnten des Kanu-Clubs Potsdam zurück zu blicken. An die Anfänge des Kanu-Clubs Potsdam im OSC als Nachfolgeverein der Mannschaft Kanu-Rennsport im ASK Vorwärts Potsdam, die auf das Frühjahr 1963 zurückgehen, konnte sich damals noch mancher gut erinnern.

Nun sind weitere zehn Jahre in das Land gegangen und die Medaillensammlung der Potsdamer Rennkanuten wurde in dieser Zeit beträchtlich aufgestockt.  Das   bislang beste olympische Abschneiden in London 2012 war die Krönung in der Erfolgsgeschichte des KC Potsdam. Dafür bekam der Vorsitzende des KC Potsdam Torsten Gutsche am 29.09.2012 zusammen mit den Olympiateilnehmern und Trainern  den Medienpreis „Goldene Henne“  überreicht. Torsten Gutsche, einst selbst einer der weltweit erfolgreichsten Kanurennsportler, leitet seit zwei Jahren als Vorsitzender die Geschicke der Kanuabteilung des OSC. Zuvor übten Gerd Harms, Horst Müller-Zinsius,  Frank Fischer, Jürgen Eschert, Manfred Wegner, Ralph Welke und Olaf Reppich sowie Manfred Schubert dieses Ehrenamt aus.

Im Frühjahr 1963 beginnt die Ära des KC Potsdam im Luftschiffhafen

Am 22.März 1963 hatte sich die drei Jahre zuvor beim ASK Vorwärts Leipzig gebildete Mannschaft Kanu-Rennsport in Potsdam etabliert. Sowohl der damalige Mannschaftsleiter Peter Schüßler als auch der Cheftrainer Helmut Zensler waren davon überzeugt, trotz der anfänglich eher bescheidenen Unterbringung hier in Potsdam auf dem Templiner See bessere Trainingsmöglichkeiten vorzufinden, als auf der Pleiße.  Zu den Sportlern der ersten Stunde in Potsdam zählten u. a. Jürgen Eschert, Alfons Förster, Ekkehard Berg, Wilfried Mittelstädt, Achim Wenat, Norbert Friedrich und Gerhard Mohs. Bereits im ersten Jahr der Existenz des Kanu-Rennsports im Potsdamer Luftschiffhafen schafften sieben Sportler des ASK die Qualifikation zur Teilnahme an den Weltmeisterschaften. Wenngleich sie bei diesen Weltmeisterschaften noch keine Medaille gewinnen konnten, gelang  ihnen bereits ein Jahr später mit dem Olympiasieg durch Jürgen Eschert der erste große internationale Erfolg. Der knapp 23-jährige Potsdamer Canadierfahrer errang bei den Olympischen Spielen 1964  in Tokio die Goldmedaille im C1 über 1000m. Das war  nicht nur die erste olympische Goldmedaille für einen Potsdamer Sportverein, sondern auch der erste Olympiasieg für die Region des heutigen Landes Brandenburg. Den ersten Weltmeistertitel für den ASK Potsdam gewann  übrigens 1971 in Belgrad der Kajakfahrer Reiner Kurth im Zweierkajak über 1000m. Bereits in den ersten Jahren der Etablierung des Kanu-Rennsports im Luftschiffhafen wurde eine einzigartige Entwicklung dieser Sportart in der Havelstadt eingeleitet, die sich bereits zuvor bei den Weltmeisterschaften 1966 mit einem Titelgewinn durch Anita Kobuss/ Helga Ulze (Mühlberg) und zwei Bronzemedaillen für die Kanuabteilung  des SC Potsdam abgezeichnet hatte.

Schwierige Übergangsphase Anfang der 90er Jahre

Allerdings war nach Auflösung des bisherigen Armeesportklubs (ASK) Potsdam am 27.September 1990 und dessen Überführung in den neu gegründeten Olympischen Sportclub (OSC) Potsdam Luftschiffhafen e.V.  eine Neuformierung des Kanu-Rennsports erforderlich. Zu Beginn der 90er Jahre war die leistungssportliche Entwicklung vor allem durch Trainerentlassungen und fehlende Unterstützung der Athleten bedroht. In der Folge wechselten nicht nur Spitzenathleten, sondern auch hoffnungsvolle Nachwuchstalente in andere Vereine, die ihnen eine berufliche Perspektive in Aussicht stellten. Jene Misere spiegelte sich letztendlich auch in den Ergebnissen bei den Welt- und Deutschen Meisterschaften im ersten Wettkampfjahr nach Neugründung der Abteilung Kanu im OSC Potsdam wider. So erfreulich wie der zweite Platz in der Vereinswertung bei den ersten gemeinsamen Deutschen Meisterschaften 1991 in Hamburg auf den ersten Blick aussah, tat das den Potsdamern doch etwas weh. Denn allein sechs der Meistertitel für andere Vereine wurden von Sportlern errungen, die noch Wochen zuvor für den OSC Potsdam paddelten. Demzufolge waren auch unter den A-Kadern des Deutschen Kanu-Verbandes für 1992 keine Potsdamer Rennkanuten, dagegen jedoch fünf ehemalige Potsdamer Athleten  zu finden.

Aufschwung Mitte der 90er Jahre

Dennoch gab man sich im Luftschiffhafen nicht auf. Und ab dem Jahr 1992 ging es wieder aufwärts mit dem Kanu-Rennsport im Potsdamer Luftschiffhafen. So wurden hier  in jenem Jahr ein Bundesstützpunkt des Deutschen Kanu-Verbandes und einer von sechs Landesstützpunkten des Landes-Kanu-Verbandes Brandenburg etabliert. Infolge der Fusionierung mit den Kanuten der SG Geltow am 26. Februar 1992 wurde die bisherige Kanuabteilung des OSC Potsdam umbenannt  in „Kanu-Club Potsdam im OSC“. Die aus dem Kanu-Trainingszentrum Geltow hervorgegangene Kanuabteilung der SG Geltow hatte bislang eine Reihe junger Talente im Jugend- und Schülerbereich herangebildet. Unter anderem auch die später weltweit erfolgreiche Katrin Wagner. Die Aufbruchstimmung des Jahres 1992 war auch dadurch gekennzeichnet, dass Birgit Schmidt nach vierjähriger Wettkampfpause wieder zum Paddel griff, um sich der Herausforderung einer erneuten Olympiateilnahme zu stellen und mit Kay Bluhm/ Torsten Gutsche das erfolgreiche Kajakduo aus Berlin  in den Potsdamer Luftschiffhafen zurückkehrte. Die Bestätigung des Olympiastützpunktes Potsdam im März gleichen Jahres erfüllte die Rennkanuten im Luftschiffhafen gleichfalls mit neuer Hoffnung. Es ist vor allem solch engagierten Sportfreunden wie Manfred Schubert als Abteilungsleiter Kanu  und gleichzeitig Vizepräsident des Landes-Kanu-Verbandes Brandenburg, Rolf-Dieter Amend als Bundestrainer im Bundesstützpunkt und Ralph Welke als Trainer und Leiter des Landesstützpunktes Potsdam zu verdanken, dass in den Anfangsjahren der Neuformierung die Grundlagen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung des leistungsorientierten Kanu-Rennsports im Potsdamer Luftschiffhafens geschaffen wurden. Einerseits ging es darum, finanzkräftige Sponsoren für die Unterstützung der Athleten und zur Beschaffung der Sportausrüstung zu finden. Andererseits galt es, das intakte Umfeld (Trainingsstätten, Olympiastützpunkt, Sportschule, Fördergruppe der Bundeswehr) optimal  zu nutzen, um den Nachwuchs an die Leistungsspitze heranzuführen.

Große Unterstützung durch den Förderverein

Einen wesentlichen Beitrag zur sportlichen Entwicklung leistete der von Jürgen Eschert und Jürgen Linde am 16.12.1996 ins Leben gerufene Förderkreis für den Rennsport des KCP, der im Februar 2001 in den Förderverein umgewandelt wurde. Dem Kanu-Rennsport wurde jetzt eine größere finanzielle Unterstützung gewährt. Aber auch die Förderung des Breitensports und die Einbeziehung der Öffentlichkeit in das Geschehen des Kanusports war ein Anliegen des Fördervereins. Hier sei nur an die 1997 erstmals in Potsdam veranstalteten und jährlich wiederholten Wasserspiele erinnert, die nicht nur wegen der Teilnahme zahlreicher Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Institutionen und Schulen ein großes Echo bei der Bevölkerung fanden. Die Zahl derer, die sich aktiv an den Wasserspielen beteiligen wollten, wuchs von Jahr zu Jahr. Auch der 2005 ins Leben gerufene und seitdem jährlich ausgetragene Kanalsprint in der Potsdamer Innenstadt hat sich als Wettkampf international erfolgreicher Kanusportler zu einem Zuschauermagneten erster Güte entwickelt. Schließlich ist es auch der Initiative von Jürgen Eschert und den jahrelangen Anstrengungen des Fördervereins zu verdanken, dass nach der Grundsteinlegung im Juni 2010 schließlich Ende 2012 die so genannte „Kanuscheune“, offiziell „Haus der Vereine“ benannt,  den Mitgliedern des KC Potsdam und seines Fördervereins als Heim- und Begegnungsstätte  übergeben werden konnte.

Neben dem wettkampfmäßigen Paddeln wurde auch der Freizeitsport im KC Potsdam nicht vergessen. So betätigen sich regelmäßig Eltern des jüngeren Kanunachwuchses und Freunde des Kanusports gemeinsam mit Trainern und Übungsleitern am Fuß- und Volleyballspiel. Viele Sportlermuttis, Lehrer der Sportschule und Sponsorenfrauen nehmen die Gelegenheit wahr, sich durch Teilnahme an den von Petra Welke geleiteten Aerobicabenden fit zu halten.

Eindrucksvolle Medaillenbilanz nach 50 Jahren

Im fünfzigsten Jahr seiner Existenz auf dem Areal des Luftschiffhafens kann der KC Potsdam im OSC nunmehr  auf die Bilanz von 119 internationalen Titeln bei der Leistungsklasse, davon 17 olympische Goldmedaillen sowie 102 Welt-/ Europameistertitel, verweisen. Hinzu kommen weitere 166 Medaillenplätze bei diesen internationalen Wettkämpfen. Darüber hinaus verbuchten die Potsdamer Rennpaddler bei den seit 2002 ausgetragenen Europameisterschaften der U23 sieben Titel- und weitere 22 Medaillengewinne.

Zu den international leistungsstärksten Rennpaddlern in der Geschichte des KC Potsdam zählen unbestritten , um nur einige Namen zu nennen, solche Ausnahmesportler wie die Olympiasieger und mehrfachen Weltmeister Birgit Fischer, Torsten Gutsche, Kay Bluhm, Ulrich Papke, Katrin Wagner-Augustin, Manuela Mucke, Fanny Fischer, Tim Wieskötter und  Ronald Rauhe. Andere stehen bereit, in die Fußstapfen ihrer Vorbilder zu treten. So unter anderem die erstmaligen Olympiasieger von London 2012 Franziska Weber, Sebastian Brendel, Kurt Kuschela und Peter Kretschmer.

Jedoch nicht nur im internationalen Maßstab, sondern auch auf nationaler Ebene sind die Potsdamer Rennpaddler stets im Spitzenfeld der Vereine zu finden. Seit 1991 holten die Potsdamer Athleten bei Deutschen Meisterschaften knapp 1000 Medaillen (402 Gold-, 297 Silber- und 272 Bronzemedaillen). Daran hatten die Sportler der Leistungsklasse (ab 19. Lebensjahr) einen Anteil von 153 Gold-, 118 Silber- und 103 Bronzemedaillen. Mit den wachsenden Erfolgen der Potsdamer Kanuten entwickelte sich gleichfalls deren Wahrnehmung und Anerkennung in der Öffentlichkeit, denn keine Sportart im Land Brandenburg kann auf derartige Ergebnisse bei Olympischen Spielen und internationalen Meisterschaften verweisen wie der Kanu-Rennsport. Das spiegelt sich auch in den Resultaten der jährlichen Sportlerumfragen wider. Stets waren die Potsdamer Rennkanuten im Vorderfeld der Umfrageergebnisse zu finden und bei der  21. Ermittlung der Sportler des Jahres 2012 belegten sie gar in allen drei Kategorien die ersten Plätze. Das war bis jetzt einmalig.

Die sportlichen Erfolge für den KC Potsdam sind jedoch weder ein Zufallsprodukt, noch stellten sie sich im Selbstlauf ein. Vielmehr sind sie das Ergebnis einer gut organisierten Nachwuchsarbeit, der engagierten Tätigkeit des Trainerteams und der Sportlereltern sowie der Unterstützung durch die Sportverbände und Förderer.

Nachwuchsarbeit als grundlegendes Element der erreichten Erfolge

Vor allem auf die Gewinnung und Heranbildung von Paddeltalenten wurde schon in den ersten Jahren des Bestehens des Kanu-Rennsports auf dem Luftschiffhafenareal großer Wert  gelegt. Ehemals erfolgreiche Kanuten, die nach Beendigung ihrer sportlichen Laufbahn das Trainerdiplom erlangten, wie die Kanuslalom-Spezialisten Manfred Glöckner und Manfred Schubert sowie später Rolf-Dieter Amend, führten viele Nachwuchskanuten aus dem Jugend- und Juniorenbereich bald  bis in die Weltspitze. Bereits in den 1970er Jahren wurden die Erfolge der  intensiven  Arbeit im Kinder- und Jugendbereich sichtbar. So  holten die Schüler der Kinder- und Jugendsportschule Birgit Fischer und Peter Hempel 1978 und 1979 ihre ersten Weltmeisterschaftsmedaillen im Leistungsklassenbereich und bei den Junioren-Europameisterschaften 1979 erpaddelten gleich mehrere Potsdamer Nachwuchskanuten Titel und Medaillen.. Nur ein Jahr später erkämpften  Birgit Fischer und Uwe Madeja bei den Olympischen Spielen in Moskau eine Gold- bzw. Silbermedaille. Diese systematische Arbeit mit dem Nachwuchs wurde bis heute in enger Zusammenarbeit mit den anderen Kanuvereinen des Landes Brandenburg und im Zusammenwirken mit der Potsdamer Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“ fortgesetzt. Demzufolge ist es  kein Zufall, dass  auch der Paddelnachwuchs des KC Potsdam bei nationalen und internationalen Wettkämpfen erfolgreich in Erscheinung tritt. So wurden seit 1991 insgesamt 22 Titel und 48 weitere Medaillen bei Junioren-Welt-/ Europameisterschaften errungen. Bei den ab 2002 ausgetragenen Europameisterschaften U23 verbuchten die Potsdamer Nachwuchskanuten 7 Meistertitel und weitere 20 Medaillen. Bei den Deutschen Meisterschaften ab 1991 gehen 249 Titel- und weitere 348 Medaillengewinne auf das Konto der Junioren, Jugend und Schüler A des KC Potsdam. Darüber hinaus wurden seit der Teilnahme im Jahre 2002 an den Olympic Hope Games für die international leistungsstärksten 15- bis 17-jährigen Rennpaddler von Potsdamer Sportschülern 50 Gold-, 28 Silber und 19 Bronzemedaillen erkämpft. Im Rahmen des vom Deutschen Kanu-Verband seit 1997 veranstalteten Nationalmannschafts-Cups der Jugend gewannen die Potsdamer Nachwuchssportler 16 Mal eine Einzelwertung und 12 Mal den Mannschaftspokal. In Anerkennung der vorbildlichen Talentförderung im Verein erhielt wurde der KC Potsdam bereits dreimal mit dem „Grünen Band“ der Commerzbank und des DOSB ausgezeichnet.

Potsdam, 07.03.2013

Günter Welke